GESCHICHTE

Projekt Hausgeschichten                         Gastgeben auf Vorarlberger Art

Im Porträt Gasthof Tötsch, heute Café Brasserie Petrus und Bregenzer Salon in Bregenz, 1911 bis heute, Bregenz am Bodensee

1910, als Familie Heim-Tötsch das Haus in der Anton Schneider Straße 11 erwarb, zählte Bregenz rund 5.000 Einwohner. Im Vorkloster, das damals noch nicht zu Bregenz gehörte, lebten etwa 4.000 Bewohner. In Bregenz gab es einige Hotels, unter anderem das Weiße Kreuz in der Römerstraße, das bis heute besteht. Erstaunlich groß war die Anzahl der Gasthäuser. Nahezu jede Gasse und Straße hatte ihr Gasthaus, manchmal auch mehrere. Insgesamt seien es über 80 gewesen, berichtet der Verfasser des Gedichts „Ein Fasnatsritt durch die Gasthäuser von Groß-Bregenz“, datiert aus dem Jahre 1928. Groß-Bregenz umfasste in diesem Gedicht neben der Innen- und Oberstadt das Vorkloster, Rieden, den Gebhardsberg und Pfänder. Einige der genannten Häuser gibt es noch heute, manche davon mit anderen Namen: unter anderem das Torggelhaus (Zeigerle), das Sporthaus am See (Wirtshaus am See), die Weinstube Kinz, das Heidelberger Fass (Sinnsationell), der Gruner (Kornmesser), der Goldene Hirschen, die Germania – und das Gasthaus Tötsch, heute Petrus Café Brasserie.

Die Anton Schneider Straße trägt ihren Namen seit 1904. Davor hieß sie Obere Gasse oder Obergasse. Sie verbindet die Rathausstraße mit der Bregenzer Straße, die am Bodensee entlang nach Lochau und weiter nach Deutschland führt. Am Eck zur Rathausstraße steht die Seekapelle aus dem 17. Jahrhundert. Unter den zumeist im 17. und 18. Jahrhundert erbauten zwei- bis vierstöckigen Bürgerhäusern sticht das 1680 erbaute Bezirksgericht hervor, zudem das 1925 im neo-klassizistischen Stil errichtete Gebäude der Österreichischen Nationalbank.

Heute ist die Anton Schneider Straße eine verkehrsberuhigte Zone. Bis in die frühen 1970er Jahre führte der Verkehr Richtung Leiblachtal und Deutschland durch die schmale Straße. Neben dem Petrus Café Brasserie  befinden sich dort eine Reihe weiterer Lokale, Feinkostläden, Schmuck- und Modegeschäfte.

Die Vorbesitzer

Der im Stadtarchiv von Bregenz aufliegenden Publikation „Zusammenfassung aller Gewerblichen Bäckereien von Bregenz, Rieden, Vorkloster und Lochau seit des Entstehen um 1300 bis heute“, verfasst von Otto Streng, ist zu entnehmen, dass das Haus in der heutigen Anton Schneider Straße 11 seit Ende des 16./Anfang des 17. Jahrhunderts durchwegs Bäckern gehörte. Einige von ihnen betrieben, wie es zu jener Zeit üblich war, am selben Standort zusätzlich eine kleine Wirtschaft. Die unmittelbaren Vorbesitzer (ab 1900) waren der Bäcker Franz Eisen und seine Frau Maria. Franz Eisen hatte ebenfalls eine Konzession zum Betrieb des Gast- und Schankgewerbes. Im August 1910 starb Franz Eisen. Plazidus Heim, geboren 1869 in Fluh bei Bregenz, in Höchst und Bregenz lebend und ein Vorfahre der heutigen Eigentümerin, erwarb das Haus und erhielt im November 1910 die Konzession zum Betrieb eines Gast- und Schankgewerbes in der Anton Schneider Straße 11. Plazidus Heim hob in seinem Ansuchen hervor, dass er schon zuvor neun Jahre lang als Gasthausbesitzer tätig war. Plazidus Heim war von 1898 bis 1904 der Besitzer der Krone in Höchst (hat sie dann an seine Schwester Agatha, verkauft). Davor war er Wirt vom Gasthaus zum Lamm in Bregenz. Von hier hatte er seine beim Konzessionsantrag angeführten Erfahrungen. Dokumentiert ist weiter, dass Plazidus Heim 1906 für eine Gastwirtschaftskonzession im Weinschlössle in Bregenz ansuchte. Die Stadt Bregenz erteilte Plazidus Heim die Konzession mit der Auflage, das Gebäude entsprechend den „gewerbspolizeilichen und hygienischen“ Vorschriften zu adaptieren. Die Bauarbeiten fanden 1911 statt, laut Ursula Hillbrand von der Firma Rhomberg, die auch 2017/18 für den Umbau verantwortlich war.

Maria Anna Heim-Tötsch – 1912 bis 1940

Auf alten Fotos schaut das Gasthaus Tötsch mehr oder weniger so aus wie heute. Der Eingang befand sich in der Mitte der Hausfront, zwischen zwei großen, in Segmente unterteilten Schiebefenstern. Die Türe links führte in einen Gang, früher als Lager genützt, heute Eingangsbereich für die Eigentümerfamilie. Ein originelles Detail fällt bei genauerem Hinsehen auf: kleine Fenster, seitlich in der freistehenden Fassade platziert, durch die man vom Erdgeschoß und ersten Stock aus sieht, wer sich von Deutschland her dem Haus nähert. 1912 suchte Maria Anna Tötsch (1862-1940), geborene Heim und Schwester von Plazidus Heim, um die Gastgewerbekonzession am Standort Anton Schneider Straße 11 an. Sie hatte das Gebäude von ihrem Bruder erworben. Maria Anna Tötsch war Mutter von fünf Töchtern und einem Sohn – und zu jener Zeit bereits Witwe. Ihr Mann, Sebastian Tötsch, geboren 1856, war 1906 verstorben. Er stammte aus der Gegend von Brixen und war Lohnkutscher. Laut Protokollen des Bregenzer Stadtrates suchte er 1897, 1901 und 1905 um eine Gastgewerbe­konzession an. Seine Ansuchen wurden stets abgewiesen, mit der Begründung, dass in Bregenz kein weiterer Bedarf für Lokale besteht. Maria Anna Tötsch erhielt die Konzession im Oktober 1912 – im Sitzungsprotokoll ist zu lesen: „Fragliches Haus wurde im Jahre 1911 nach den vom Stadtrate und der k.k. Bezirkshauptmann­schaft genehmigten Plänen umgebaut. Der Umbau wurde auch den Plänen entsprechend ausgeführt und sind sämtliche Räume sehr schön und sauber gehalten und haben durchwegs reichliches Tageslicht. Dem derzeitigen Zustande nach kann die Wirtschaft zu den besseren eingerichteten Gasthäusern gezählt werden.“ Das Gasthaus Tötsch bot gutbürgerliche Küche und einen Saal für Veranstaltungen und Sitzungen im ersten Stock. Im Erdgeschoß fanden rund 50 Personen Platz. Außerdem gab es drei Gästezimmer.

Die Familie lebte im selben Haus. Gegenüber vom Veranstaltungssaal befanden sich die Waschküche und das Gästezimmer Nr. 3. Im Stock darüber waren die Gästezimmer Nr. 1 und Nr. 2. Zur Straße hin wohnte die Familie. Am Dachboden gab es zwei Dienstbotenzimmer. Von Maria Annas Kindern arbeitete vor allem Anna Maria (1900–1963) mit. Sie blieb ledig und übernahm später das Gasthaus. Die Töchter Rosa (1898–19??) und Berta (um 1894–19??) hatten geheiratet und waren weggezogen.

Tochter Theresia (1904–1964) heiratete Erwin Hillbrand, den Großvater der heutigen Hauseigentümerin Ursula Hillbrand. Sie bekamen einen Sohn, Wolfgang (1931-2011). Die Ehe hielt jedoch nicht lange. Nach der Scheidung, einer damals peinlichen Angelegenheit, verließ Theresia Bregenz („sie wurde weggeschickt“). Später arbeitete sie als Köchin im Gasthaus Tötsch und heiratete ein zweites Mal: Robert Polak von Mürzsprung, den sie bei ihren Verwandten im Vorarlberger Hof in Feldkirch kennengelernt hatte. Er war bei den Österreichischen Bundesbahnen tätig. Die beiden hatten einen Sohn, Robert Polak (1944–2016), der Filmemacher wurde, an der Filmakademie lehrte und die meiste Zeit seines Lebens in Wien verbrachte.

Sohn Theodor Tötsch (1890–1960) übernahm das Fuhrunternehmen seines Vaters. Kutschen und Pferde, später Autos, waren in der Bergmannstraße 8 ganz in der Nähe untergebracht. Aufs Fahren, nämlich mit Autos, verstand sich auch Tochter Paula (1889–1938). Sie war die erste Taxiunternehmerin in Vorarlberg. Über Theodor Tötsch gibt es zahlreiche Einträge im Archiv der Stadt Bregenz. Ein Foto aus dem Jahr 1911 zeigt beispielsweise eine seiner „Motordroschken“, einen Clement-Bayard, 1906 erstmals zugelassen. Theodor Tötsch gründete eine Autofahrschule in Bregenz, wohl eine der ersten. Nach dem 2. Weltkrieg war er in diversen Gremien und Ausschüssen der Stadt Bregenz tätig.

Die Familie Heim bzw. ihre Nachfahren führten unter anderem das Gasthaus Hotel Krone in Höchst, den Vorarlberger Hof in Feldkirch und das Lamm in Bregenz.

Anna Maria Tötsch – 1940 bis 1957

Maria Anna Tötsch, die erste Wirtin, führte ihr Haus durch gute und viele weniger gute Jahre. Doch das Gasthaus Tötsch hatte Bestand – im Ersten Weltkrieg, während der Weltwirtschaftskrise, in den politischen Umbruchszeiten der 1930er Jahre. Nach ihrem Tod im Jahr 1940, der Zweite Weltkrieg war bereits ausgebrochen, führten Sohn Theodor und Tochter Anna Maria den Betrieb weiter. Anna Maria war für die damalige Zeit erstaunlich sprachgewandt und beherrschte fünf Sprachen. Französisch und Italienisch lernte sie beispielsweise als Au-pair-Mädchen. Der Anfang dürfte schwierig gewesen sein. Im August 1941 stellten die Geschwister Tötsch einen Antrag an die Vorarlberger Handelskammer – sie wollten und mussten eine tägliche Ruhepause einführen:

„Wir verabreichen täglich an ungefähr 50 Angestellte und Arbeiter aus verschiedenen Betrieben das Mittagessen und teilweise auch das Abendessen. Wir haben keine Hilfskräfte zur Verfügung und konnten seit langer Zeit trotz wiederholtem Ansuchen beim Arbeitsamt solche nicht erhalten. Um den Betrieb aufrecht erhalten zu können, muss die verheiratete Schwester Rosa Müller, Schuhmachersgattin, das Kochen besorgen, der Bruder Theodor Tötsch die Einkäufe usw. betätigen, die verheiratete Schwester Therese Hillebrand die Gäste bedienen. Die Schwester Anna Tötsch musste über Anordnung des Arztes Herrn Medizinialrat Dr. Burtscher, einen Erholungsurlaub antreten, weil sie ernstliche erkrankte.

Um nun die Verabreichung von Speisen an die Angestellten und Arbeiter weiter durchführen zu können und die hiezu nötigen Vorarbeiten treffen zu können, müssen wir in der Zeit von 2 bis 6 Uhr nachmittags an den 5 Tagen in der Woche aussetzen. Die Herbeischaffung der Lebensmittel, die Instandhaltung der 8 Fremdenzimmer, die Zubereitung der Speisen usw. erfordert diese Aussetzung. Wenn uns diese Pause nicht gewährt wird, so können wir die Verabreichung der Speisen nicht weiter betreiben und müssen vom 1. September 1941 an den Küchenbetrieb einstellen, bis wir die notwendigen Hilfskräfte zugewiesen erhalten.“

Im Oktober 1941 genehmigten schließlich die Vorarlberger Handelskammer und der Landrat Bregenz eine Schließzeit von Montag bis Freitag von 14 bis 18 Uhr. Um eine Konzession suchten die Geschwister Tötsch, vertreten durch Theodor Tötsch, erst 1942 an. Die „Wirtschaftsgruppe Gaststätten und Beherbergungsgewerbe“ in Feldkirch befürwortete den Antrag. Die NSDAP-Kreisleitung in Bregenz lehnte ihn jedoch ab:

„Gründe: Die für den Antritt eines Gewerbes erforderliche Verlässlichkeit umfasst vor allem auch die unbedingte Gewähr dafür, dass sich der Antragsteller jederzeit offen und rückhaltlos zum nationalsozialistischen Staat und seinen Einrichtungen bekennt, und dies durch sein Verhalten bekundet. Mangels dieser Voraussetzungen kann diesem Ansuchen keine Folge gegeben werden.“

Nach Interventionen und einer neuerlichen Begutachtung erhielt Theodor Tötsch Monate später dann doch die Konzession, nun für das „Restaurant Heim“ in der Anton Schneider Straße 11.

In der Familie erzählt man, dass Anna Maria während des Zweiten Weltkriegs einmal in der Woche für französische Kriegsgefangene, die in Lindau stationiert waren, aufgekocht habe. Am Sonntag hatten sie Ausgang und kamen nach Bregenz zum Essen. Gut 200 Soldaten soll Anna Maria in mehreren Durchgängen jeden Sonntag verköstigt haben, mit Gerichten, die sie in Frankreich kennengelernt hatte.

Die Familiengeschichte erzählt außerdem, dass nach dem Krieg ein französischer General vor dem Gasthaus Tötsch vorgefahren sei und nach „Madame Anna, die seine Kameraden verpflegt hat“ gefragt habe. Als Geschenk brachte er einen Teller mit, den die Familie bis heute in Ehren hält. Er bot zudem Chauffeurdienste an, wann immer sie gebraucht würden. Die Autos standen mehr oder weniger gegenüber. In der Außenstelle der Österreichischen Nationalbank, einem großen und eleganten Gebäude, hatte die französische Besatzung ihr Quartier.

„Die ‚Tötsch-Wieber‘ hatten Niveau. Sie waren offen für Kultur, für Gespräche. Sie brachten sich in die Gesellschaft ein und pflegten christliche Werte wie Nächstenliebe“, erzählt Ursula Hillbrand über ihre Vorfahrinnen. „Wir haben im Haus viele Altarstickereien gefunden, für die Herz-Jesu-Kirche und für die Seekapelle, außerdem verzierte Vorhänge und Tischtücher, Kopfkissen mit Monogrammen usw. Vor allem Tante Anna hat sehr viel gestickt und geklöppelt.“ Tante Anna war überhaupt vielseitig begabt, so spielte sie auch Violine im Kirchenorchester und lernte ständig Neues dazu. Nach ihrem Tod fand die Familie im Geigenkasten ihren Terminkalender. Neben Orchesterproben waren darin Niederländisch-Stunden eingetragen.

Früher wählten Gäste ihr Wirtshaus auch nach der politischen Einstellung ihrer Gastgeber. Die Familie Tötsch war als christlich-sozial bekannt, was auch für die Mitarbeiter Bedeutung hatte. „Einmal ist uns ein Bericht in den Vorarlberger Nachrichten aufgefallen, es ging um eine Frau, die Diamantene Hochzeit gefeiert hat. Sie war Kellnerin im Gasthaus Tötsch und hat ihren Mann da kennengelernt. Ich zeigte das Foto meinem Onkel, der gleich das ‚Rösle‘ erkannte. Wir haben sie vor ein paar Jahren gemeinsam besucht. Zuvor hat sie im Lokal der ‚roten‘ Fohrenburger Brauerei gearbeitet, aber das Gasthaus Tötsch passte besser zu ihrer Werthaltung, sie war eine gläubige Frau.“

Das Gasthaus Tötsch war ein beliebter Treffpunkt für Menschen aus unterschiedlichen Bereichen: für Künstler, Politiker, Geistliche, Bürger. Der Bregenzer Pfeifenclub hielt hier seine Treffen ab, ebenso die katholische Mittelschulverbindung „Kustersberg“. Einmal im Jahr, am Stephanstag, war der Saal Schauplatz des Treffens der Familie Heim-Tötsch.

Eine große Rolle spielte das Gasthaus im Fasching. An der Fassade hing ein Riesenkasperle, das über mehrere Stockwerke reichte. Es trug die Aufschrift „Ore, Ore“, den Faschingsruf der Bregenzer. Die Feste waren legendär. Nicht nur die Gäste kamen verkleidet – auch Anna Maria Tötsch, die Kellnerinnen und die Dienstmädchen waren kostümiert im Einsatz.

Bekannt war das Lokal auch dafür, immer neue Spezialitäten anzubieten. Kinder schätzten das besonders gute „Kracherl“. Auf der Getränkekarte fanden sich Südtiroler Weine, französische Cognacs, hausgemachte Limonaden. Die Küche war gutbürgerlich, das Geschirr elegant. Vieles war aus Silber bzw. versilbert und ist bis heute vorhanden: Platten, Teller mit Unterteilung, Suppentassen, Schüsseln mit und ohne Deckel, Saucieren, Bierwärmer, die nun als Rosenvasen dienen.

Neben dem „Rösle“ waren zwei, drei Servierinnen beschäftigt. Sie trugen, wie damals üblich, weiße, gestärkte Halbschürzen über schwarzer Kleidung. Es gab eine Wäscherin, die einmal in der Woche kam.

Dokumentiert ist auch, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges erste Besprechungen über das Vorhaben, in Bregenz Festspiele abzuhalten, im Gasthaus Tötsch stattfanden. Aus dem Buch zum 60-jährigen Jubiläum der Bregenzer Festspiele, verfasst von Walter Lingenhöhle: „Wie die Vorbereitungen für die Bregenzer Festwochen im Detail verliefen, lässt sich nicht mehr eruieren, die Besprechungen wurden nicht protokolliert. Man beriet meistens bei Theo Tötsch in der gleichnamigen Gaststätte in der Anton Schneider Straße. Theo Tötsch zählte zu jenen Aktivisten der unmittelbaren Nachkriegszeit, die überall mithalfen und mitwirkten.“

Zwischen den Jahren

1957 musste Anna Maria Tötsch alters- und krankheitsbedingt das Gasthaus schließen, 1958 legte Theodor Tötsch die Gastgewerbekonzession zurück. Nach dem Tod von Anna Maria (1963) erbte ihre Schwester Theresia das Haus und ließ das Erdgeschoß teilen, um Raum für zwei Geschäfte zu schaffen. Rund sechzig Jahre lang war auf der einen Seite ein Frisör untergebracht. Die Besitzer wechselten, doch der Salon hieß stets „Salon Femina“. Auf der anderen Seite zog anfangs der „Dirndlsalon Herlinde“ ein – mit Nähwerkstatt im ersten Stock –, danach kamen „Ritschi Bitschi Spielwaren“, das Lokal „Rudi B.“ und die „Annette Bar“.

Doch Theresia starb 1964, nur ein Jahr nach ihrer Schwester und wenige Jahre nach ihrem Mann Robert Polak. Ihr Sohn Robert ging nach Wien und studierte an der Filmakademie. Ab diesem Zeitpunkt waren die oberen Stockwerke in der Anton Schneider Straße 11 nur noch in den Ferien bewohnt. Die Familie von Ursula Hillbrand, die in Innsbruck lebte, war jeden Sommer zu Gast. „Wenn wir gekommen sind, mussten wir mehrere Tage lang putzen. So haben wir eine Beziehung bewahrt zu den vielen Gegenständen, die sich im Haus befanden.“

Theodor Tötsch hat Rüstungen und Waffen gesammelt, sie sind heute noch in Nischen im Stiegenaufgang zu sehen. Die Tötsch-Frauen waren ebenfalls sammelfreudig: Lampen, Kerzenständer, Porzellantässchen, Hinterglasbilder, Kruzifixe in allen Ausführungen und Größen, Rosenkränze, Stickbilder, Reliquienbilder umfasst die Sammlung, die Ursula Hillbrand bis heute pflegt.

Der Neubeginn

Theresia vererbte das Haus zu gleichen Teilen an ihre Söhne Robert Polak und Wolfgang Hillbrand, den Vater von Ursula Hillbrand, die nach dessen Tod die zweite Hälfte von ihrem Onkel Robert erwarb. Dieser kaufte daraufhin für die Ferienzeiten, die er zumeist in Bregenz verbrachte, einen renovierten Dachboden ganz in der Nähe.

Ursula Hillbrand besaß nun also das Haus, lebte aber mit ihrem Mann und den drei Kindern in Brüssel. Die Pläne, an den Bodensee zu ziehen, nahmen langsam Form an. Im August 2017, als die Verträge der Mieter im Erdgeschoß ausgelaufen waren, übersiedelte die Familie.

An Wurzeln und frühere Kontakte angeknüpft hat Ursula Hillbrand, EU-erfahrene Juristin, Expertin für partizipative Prozessbegleitung, Trainerin zum Thema „Art of hosting“ schon früher. 2009 gründete sie die „Bregenzer Salongespräche“, Gesprächsrunden zu unterschiedlichen Themen, veranstaltet im gediegenen Ambiente des ersten Stocks im Haus in der Anton Schneider Straße.

Auf Bregenz hat sich auch ihr Mann, Peter Brattinga, in besonderer Weise vorbereitet. „Ich habe mein ganzes Leben als Lebensmitteltechnoloog gearbeitet. Ich war Berater für Landwirte, für die Industrie, habe Erfahrung mit Lobbying, in der Zusammenarbeit mit der Europäischen Kommission. Da dachte ich mir, das wäre eine schöne Kombination zum Raum für Dialoge im ersten Stock und um das Haus wieder zu beleben: Ich kreiere unten einen Platz für Essen und Trinken.“ Also absolvierte der Lebensmitteltechnologe in Brüssel eine dreijährige berufs­begleitende Ausbildung zum Koch, Sommelier und Restaurantmanager. Als Abschlussprojekt reichte er das Konzept und den Businessplan für das Restaurant in Bregenz ein. Schon Jahre vor der Übersiedlung schauten sich Ursula Hillbrand und ihr Mann zahlreiche Lokale in Belgien an und beauftragten schließlich eine belgische Einrichtungsfirma. Bevor es an die Innenausstattung ging, wurde noch die Trennmauer entfernt und die Fassade mit den großen Fenstern originalgetreu erneuert.

Eingerichtet ist das Petrus, das den niederländischen Namen von Peter Brattinga trägt – wahlweise deutsch oder französisch ausgesprochen – mit flämischen Holzarbeiten, dazu passenden Lampen und Möbeln im Kaffeehausstil. Der Boden ist mit dezent gemusterten Fließen belegt, wie man sie um die Jahrhundertwende in vielen Lokalen, aber auch in den Eingangsbereichen von Wohnungen und Villen fand. Ein offener Kamin sorgt ebenso für entspannte Atmosphäre wie die erstklassige Musikanlage. Geschickt platzierte Lautsprecher dosieren die Lautstärke so, dass man sich an jedem Platz gut unterhalten kann.

Ende Februar 2018 eröffnete das Café Brasserie Petrus. In den sozialen Medien angekündigt wurde es als „das schönste Alles, das Bregenz je hatte“. Eine Aussage, die das Wesen des Lokals auf den Punkt bringt: Man kann hier gut essen und trinken, Leute treffen, sich unterhalten, feine Musik hören, Filme anschauen und das Restaurant oder den ersten Stock für private Feiern mieten. Ein Angebot, das sich zunehmender Beliebtheit erfreut, stellt Ursula Hillbrand fest: „Die Räume erobern sich ihre frühere Rolle zurück, Besucher schätzen die Atmosphäre und spüren die Tradition der Gastlichkeit.“Darüber hinaus bringt das Petrus ein Stück Europäische Union nach Bregenz und macht belgisch-niederländisch Flair mit einem Schuss Frankreich spürbar. Eine Mischung, die in der Stadt einzigartig ist. Die Speisekarte ist auf Deutsch und Französisch verfasst. Besonders gut kommen die „Moules frites“ an, die man sonst kaum irgendwo in Vorarlberg bekommt. Vielleicht weil die Pommes frites von Hand geschnitten werden, auch das ist längst nicht mehr üblich. Zu den „Rennern“ zählen außerdem das Kaninchen in Biersauce, die hausgemachte Pasta und Tagesspezialitäten wie Fisch, Langostinos oder Austern.

Stammgäste gibt es einige: Der Franzose, der in Lindau lebt. Der Gourmet-Autor. Der Bürgermeister der Stadt Bregenz mit Delegationen aus dem Ausland. Vorarlberger und Vorarlbergerinnen mit einem Nahebezug zur EU bzw. zu Brüssel und Lust darauf, Französisch zu sprechen. All jene, die gerne einmal ein Leffe Bier trinken und jene, die sich an früher erinnern, ans Gasthaus Tötsch, an die „Tötsch-Wieber“, an Robert „Pizi“ Polak.

„Die Gäste spüren, dass es eine alte Seele gibt, die wiederbelebt wurde. Manchmal spüren wir beide den Blick der Urgroßmutter, quasi vom Himmel herunter. Unsere eigenen Ideen hier einzubringen und doch auch dem Alten Raum zu geben, ist eine besonders schöne Aufgabe.“

Exkurs: Die Herz Jesu Kirche

Vom Haus in der Anton Schneider Straße 11 überblickt man die Bergmannstraße. An ihrem Ende, auf einer Anhöhe, steht die Herz Jesu Kirche. Das zweitürmige Gotteshaus, aus Backstein im neugotischen Stil erbaut, wurde 1908 eingeweiht.

Dieser Kirche sind Familie Tötsch und ihre Nachfahren in mehrerlei Hinsicht verbunden, ebenso der Bergmannstraße. In früheren Zeiten zogen dort kirchliche Prozessionen entlang. Zu Fronleichnam schmückten prachtvolle Blumenteppiche die Straße. Die Pfarrer waren Gäste des Hauses. Anna Maria Tötsch spielte im Kirchenorchester Violine. Die Straße und die früheren Gärten der Nachbarhäuser waren die Spielplätze der Kinder. Und Robert Polak, der Filmemacher, soll seinen Spitznamen dem damaligen Pfarrer von Herz-Jesu verdankt haben: „Der wird einmal ein kleiner Piz“, soll er zur schwangeren Theresia gesagt haben. So kam es, dass Robert Zeit seine Lebens „Pizi“ genannt wurde. Das Wort ist vermutlich jiddischen Ursprungs: „pitz“ bzw. „pitzkele“ bedeutet winzig.

Seinem Elternhaus, der Kirche Herz-Jesu, der Bergmannstraße, der Geschichte ihrer Häuser und Bewohner hat Robert „Pizi“ Polak einen gleichermaßen informativen wie berührenden Dokumentarfilm gewidmet: Aus zahlreichen, über gut zwanzig Jahre hinweg aufgenommenen Sequenzen und alten Fotos stellte er 2014, kurz vor seinem 70. Geburtstag, den Film „Auf der Straße zur Kirch HJ“ fertig.

 

28. Februar 2018Wiedereröffnung als Café Brasserie Petrus

Im ersten Stock finden nun öfter „Bregenzer Salongespräche“ statt.

Ab 2008Ursula Hillbrand und ihr Mann Peter Brattinga fassen eine Übersiedlung nach Bregenz ins Auge. Sie schmieden Pläne für die Wiederbelebung des Gasthauses Tötsch.
2014Der Dokumentarfilm von Robert Polak, „Auf der Straße zur Kirche HJ“, wird im Vorarlberg Museum in Bregenz erstmals präsentiert.
2011Ursula Hillbrand erbt nach dem Tod ihres Vaters Wolfgang Hillbrand seine Haushälfte und erwirbt später die zweite von Robert Polak. Sie unternimmt eine erste Renovierung.
2009Ursula Hillbrand, die mit ihrer Familie in Brüssel lebt und regelmäßig in Bregenz auf Besuch ist, etabliert im 1. Stock des Hauses in der Anton Schneider Straße 11 den Bregenzer Salon als vermietbaren Seminarraum und ruft die „Bregenzer Salonabende“ ins Leben.
1986Dr. Wolfgang Hillbrand wird Landesdirektor der damaligen Austria Versicherung und zieht wieder in das Haus ein.
1964Nach dem Tod von Theresia erben ihre Söhne Wolfgang Hillbrand (1931–2011) und Robert Polak (1944–2016) das Haus je zur Hälfte.

Das Haus ist nur mehr in den Ferienzeiten bewohnt.

1963Nach dem Tod von Maria Anna Tötsch erbt Theresia (1904–1964) das Haus. Sie lässt das Erdgeschoß umbauen und teilen. In den folgenden Jahren sind in den zwei Einheiten ein Frisör, Geschäfte und Bars eingemietet.
1957/58Das Gasthaus Tötsch wird alters- und krankheitsbedingt geschlossen. 1958 legt Theodor Tötsch die Gastgewerbekonzession zurück.
1940Maria Anna Tötsch stirbt. Ihre Kinder Anna Maria Tötsch (1900–1963) und Theodor Tötsch (1890-1960) übernehmen das Gasthaus.

 

 

1912Maria Anna Tötsch (1862–1940), die Schwester von Plazidus Heim, übernimmt das Haus und führt das Gasthaus weiter.

Maria Anna war mit dem Lohnkutscher Sebastian Tötsch (1856-1906) verheiratet. Das Ehepaar hatte sechs Kinder.

1910Plazidus Heim (1869-1943) kauft das Haus in der Anton Schneider Straße 11 und erhält 1911 die Gastgewerbekonzession für diesen Standort.

 

Vorbesitzer des Hauses in der Anton Schneider Straße 11 bzw. Obere Gasse 88:

Quelle: Publikation „Zusammenfassung aller Gewerblichen Bäckereien von Bregenz, Rieden, Vorkloster und Lochau seit des Entstehen um 1300 bis heute“, verfasst von Otto Streng.

 

1890Die Tochter von Xaver Huber heiratet Franz Eisen. Franz Eisen führt die Bäckerei mit kleiner Wirtschaft bis zu seinem Tod im Jahr 1910.
1869Ferdinand Karg, Bäcker, dem die Häuser Anton Schneider Straße 9 und 11 gehörten, verkauft das Haus Nr. 11 an Xaver Huber.
1827Xaver Feßler
1792Johann Georg Sohler
1731Johann Caspar Albrecht
1726Johann Michael Blähle
1717Franz Gratwohl
1694Hans Georg Boppleter
1680Joseph Strasser
1670Hans Georg Helin (Sohn von Johannes Hälin)
1660Johannes Hälin
1626Peter Reiner
1610Felix Diehm
1602Jerg Gülm
Ende 15./Anfang 16. Jhd.Conrad Grembler

Quellen

 

  • Gespräch mit Ursula Hillbrand und Peter Brattinga am 9. Juli 2018 in Bregenz
  • Diverse Internet-Recherchen
  • „Bloß it vergeassa“, Band 6, herausgegeben von einer Bregenzer Autorengemeinschaft
  • Das Land Vorarlberg 1861 bis 2015: Geschichte Vorarlbergs, Band 3, Meinrad Pichler
  • Gespräch mit Meinrad Pichler am 4. Oktober 2018 in Bregenz
  • Gespräch mit Thomas Klagian/Stadtarchiv Bregenz am 4. Oktober 2018 in Bregenz sowie diverse Unterlagen aus dem Stadtarchiv.
  • Unterlagen aus dem Vorarlberger Landesarchiv, zusammengestellt von Claudia Albertani
  • Publikation „60 Jahre Bregenzer Festspiele“, verfasst von Walter Lingenhöhle

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